Michail Kalnizky - Historiker, Forscher des Kiewer Altertums.
Extra für „Prime Excursion Bureau“ .
In dieser Saison begeht das Kiewer akademische Operettentheater seinen 75-Jahrestag.
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Dieses markante Datum ist damit verbunden, dass 1934 im Gebäude auf der Krasnoarmeiskaja-Str., 53 eine stationäre Mitgliedschaft des Kiewer staatlichen Theaters für Musikkomödie herausgebildet wurde, das unmittelbarer Vorgänger des heutigen Operettentheaters war. Ein Jahr später fanden schon seine Aufführungen statt. Obwohl das Operettengenre in Kiew hat viel mehr längere Traditionen. Nicht nur durch Operette alleine erschöpft sich auch die Geschichte des Theatergebäudes, das schon das zweite Jahrhundert „getauscht“ hat. ...Operette führt in die Zeiten zurück, als die heiteren Franzosen entschieden durch die witzigen Vorstellungen auf Musik von Jacques Offenbach das anständig-offiziöse Theateralltagsleben des Napoleon III. Imperiums aufzurütteln, über den Kult der antiken Klassik zu verspotten. |
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Heutige Silva – Schauspielerin Elena Schirjaeva |
Dadurch erhielt diese musikalische Richtung – die seit jeher als „komische Oper“ galt – eine anziehende Schärfe und unter betäubendem Cancan-Ton verbreitete sich weltweit als Operette.
In unserer Stadt kultivierte sich das ähnliche Genre auf der Bühne der populären Anstalt „Chateau de Fleur“ (Blumenschloss), die sich auf dem Territorium des heutigen Stadions „Dynamo“ befand. In 1860-er wurde „Chateau de Fleur“ zum ersten Unterhaltungszentrum von Typ „cafè chantant“. Hier wurden leichte Farcen im französischen Geiste aufgeführt. Bald darauf wurden auch auf der Bühne des Stadttheaters die Offenbach`s Operetten gespielt.
Seit den ersten Schritten auf dem Kiewer Boden wurde Operette von der Aufmerksamkeit des Publikums nicht benachteiligt. Das Geschäft entfaltete sich rasch, insbesondere nachdem sich der bekannte Entrepreneur Joseph Setov darauf machte. Die von ihm formierte Akteurtruppe machte die Vorstellungen bald auf der Bühne des Stadttheaters, bald im Theater von Bergognie (heute das russische Drama-Theater. Die Kiewer waren beinahe durch Operette „angesteckt“. Überall wurden die Operettenmotive vor sich hin gesungen, die Couplets aus den Werken von Offenbach, Lecog, Strauss zitiert.
Übrigens wurde es sich über das „Operettchen“ in der sog. anständigen Gesellschaft geringschätzig geäußert. Es muss gestanden werden, dass die Städter dafür die bestimmten Gründe hatten. Einige Vertreter dieses Genres hatten die der Operette geeignete Leichtigkeit des Gemütes bist zu unzulässigen Grenzen gebracht. Was hatte sich der Operettenkomiker Blumentall-Tamarin nicht gestattet! Eigenen Charme und schwindlerisches Talent sowie den Reiz der hübschen Choristinnen benutzend, brachte er unbezwungen die örtlichen Aristokraten der „High Society“ zu wahnsinnigen Ausgaben…
Anfang des XX. Jhs. als die Zahl von Theatersälen und entsprechenden Räumlichkeiten in Kiew zugenommen hatte, trennte sich die klassische Operette zum Teil von den nicht ganz anständigen Farcen und Varietes.
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Zu dieser Zeit wird die etwas lärmende und groteske Operette im französischen Geist durch eine neue aus Österreich-Ungarn kommende Richtung abgelöst, die melodisch und lyrisch- sentimental ist. Gleich nach „Fledermaus“ von Strauß kamen auf die Bühne die Meisterwerke von Lehar „Merry Widow“ und „Graf von Luxemburg“. Die Zuschauer gingen gern ins Theater, um eine wundervolle Musik zu hören, über die Sujets zu lachen und weinen, die der Art von heutigen „Seifenopern“ waren, sowie sich das „High Society“-Leben ergötzen zu können. Die Aufführungen wurden nach wie vor in „Chateau“ und auf der Bühne des Bergognie-Theaters gespielt. Sie wurden von Entreprisetruppen vollbracht. In den besten davon wurde die Ordnung und Disziplin aufrechterhalten, jegliche Abweichung von Moral wurde getadelt, um keine Gerede zu nähren. Leiter der Operette in „Chateau de Fleur“ Herr Konstantin Grekov spielte auf der Bühne einen Komiker, doch im Leben war ein strenger Zerberus und ließ keinen Zugang hinter Kulissen für die „müßigen Verehrer“(obwohl im selben „Chateau“ gab es Kabarett mit gar keinen so strengen Begrenzungen für die reichen „Väterchen“. |
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Bild 1. Konstantin Grekov |
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Die Kriegsereignisse haben freilich eine negative Rolle für die Erweiterung des Repertoires gespielt, denn Österreich-Ungarn an anderer Frontseite war. Eingang von „Wiener“ Neuheiten auf die einheimische Bühne unterbrach sich… Und erst 1918, als in der von Deutschen besetzten Ukraine die Macht des Hetmans Skoropatsky aufgestellt wurde, zeigte das Operettentheater den Städtern „Silva“ von Imre Kalman. Der Erfolg war unglaublich. Dieses Meisterstück wurde auf der Bühne der Kiewer Staatsoper aufgeführt. |
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Bild 2. Lucyna Messal |
Bild 3. Grigorij Yaron |
Der Saal war überfüllt, der Aufführung wurde rauschender Applaus zuteil… Ungeachtet der Zeit der Wirren, Chaos und Emigrationswelle, gelang es dem Grekov-Theater sein Werk glänzend in Gang zu bringen. Sogar die in Kiew eingetroffene deutsche Operettentruppe hatte entschieden mit einheimischen Kollegen in Konkurrenz nicht zu stehen. In den ersten Jahren des Sowjetregimes waren die Bedingungen für Operette recht zweideutig. Einerseits widersprachen all diese „Abenteuer der leichtsinnigen Bourgeois» der neuen Ideologie. Andererseits wurden die Operettenstücke gern vom Publikum der NÖP (die Neue Ökonomische Politik) -Epoche besucht. Und es gab eigentlich was zu sehen! In 20-er Jahren strömten zu uns die neuen wunderbaren Werke von Kalman, Leo Fall und anderen Klassikern dieses Genres.
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Als 1934 Kiew die Hauptstadt der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik wurde, hatte man die Frage über die „stationäre“ Operette gelöst. Der neuen Theaterbelegschaft wurde das Gebäude auf der Krasnoarmeiskaja-Str. zur Verfügung gestellt. Dieses Bauwerk hatte schon damals eine reiche und vielfältige „Biographie“. Seine ursprüngliche Zweckbestimmung war Dreieinigkeitsvolkshaus, Baujahr 1901-1902, auf die Spenden von Enthusiasten der Volksausbildung gebaut.
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Bild 4. Dreieinigkeitsvolkshaus und Dreifaltigkeitskirche daneben. Foto 1902. |
Interessant ist, dass der Initiator der Errichtung von Dreieinigkeitsvolkshaus – Kiewer Gesellschaft „Wissen“, ursprünglich über kein Erdstück im Stadtzentrum sowie keine Geldmittel für den Bau dieses Zentrums verfügte. Doch die Leitung dieser Gesellschaft hatte den hartnäckigen Wunsch ihr Wohltätigkeitsvorhaben durchzusetzen und den Erfolg zu erreichen. Leiter der Gesellschaft „Wissen“ Herr Wladimir Naumenko war ein bekannter Pädagoge, Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, aktiver Vorkämpfer der ukrainischer Kultur. Er und seine Gleichgesinnten hatten 1900 den Oberbürgermeister von Kiew Herrn Stephan Solsky überzeugt einen Bauplatz neben dem Markt für die Errichtung des Zentrums zu gewähren. Bild 5. Wladimir Naumenko Bild 6. Gennadiy Antonovsky

Bürgeringenieur Herr Gennadiy Antonovsky, sehr beschäftigter Mensch auf dem Posten des Gouvernementsarchitekten, hatte die Kräfte sowie die Zeit gefunden um allgemeinen Wohls willen ein Projekt des Gebäudes unentgeltlich zu entwickeln und nachher auch unentgeltlich dessen Bau zu leiten.
Viele Tausende Rubel haben auch die Wohltätiger gespendet. Darunter war der sog. „Zuckerkönig“ Lazar Brodsky; einige Geldmittel wurden aus dem Stadthaushalt subventioniert, gegen Kredit bezahlt. Der Auftragnehmer Herr Leo Ginsburg hatte erheblich Preisnachlässe gemacht. Zum Ende 1902 wurde der Bau des Dreieinigkeitsvolkshauses abgeschlossen! Den wunderschönen Zuschauersaal für 1000 Personen (heute – 799) konnte für Veranstaltung von zugänglichen Aufführungen und populären öffentlichen Lektionen benutzt werden. Bild 7. Dreieinigkeitsvolkshaus Ansichtskarte, Anfang XX. Jhs

1907 ist im Gebäude des Dreieinigkeitsvolkshauses das erste stationäre ukrainische Theater geöffnet worden. Es wurde vom hervorragenden Schauspieler und Regisseur Nikolai Sadovsky (Tobilewitsch) geleitet. Im selben Jahr aber hatte die Polizei im Volkshaus eine Durchsuchung vorgenommen, die Literatur des „aufrührerischen“ Inhalts beschlagnahmt und kurz daraufhin wurde die Gesellschaft „Wissen“ geschlossen. Seither war das Dreieinigkeitsvolkshaus der Stadtverwaltung untergeordnet.
In den ersten Jahren seiner Existenz wurde das Volkshaus von der Gesellschaft „Wissen“ verwaltet, an deren Spitze der Pädagoge Herr Naumenko stand. In diesem Gebäude hatte seinen Sitz der Verlag von berühmter historischer Zeitschrift „Kiewer Altertum“. In den Zeiten der sozialen Wirren fanden im Volkshaus die Massenversammlungen statt; im stürmischen 1905 Jahr entstanden hier die ersten Gewerkschaften in Kiew. Bild 8.Büste von Taras Schewtschenko Bild 9.Gedenktafel zu Ehren der ersten Gewerkschaften

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Nikolai Sadovsky leitete sein Theater bis zum 1916 in diesem Gebäude. Er war unvergleichlich auf der Bühne, führte excellent Regie, schrieb selbst die Musikstücke, doch kennzeichnete sich dabei durch Authoritarism und Intoleranz. Deshalb hielten sich in seiner Truppe die markanten und starken Persönlichkeiten leider nicht auf. Das betraf auch die geniale Schauspielerin Maria Zankovetskaya, welche mit Sadovsky die schöpferischen sowie persönlichen Verbindungen pflegte. Letztendlich verließ sie seine Truppe und spielte in der vom berühmten Regisseur Saksahansky. |
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Bild 10. Gedenktafel für N. Sadovsky |
Bild 11. Maria Zankovetskaya |
Einige talentvolle Schauspieler verließen das Sadovsky-Theater wegen der ungerechten Bezahlung ihrer Arbeit. Durch den erklärten Demokratismus im Theater gab es fast keine Differenz in der Bezahlung der Hauptrollen und kleineren Rollen…
Abgesehen davon, Sadovsky-Theater war sehr bekannt und erfreute sich großer Popularität. Seit 1916 wirkten im Dreifaltigkeitsvolkshaus auch andere Theaterkollektive. Darunter ist das „Jugend-Theater“ von Les Kurbas zu erwähnen. Mit der Zeit entstand hier das sog. „Nationale Mustertheater“, welches die Basis für das „Volkstheater“ geschaffen hatte. Viele Koryphäen der ukrainischen Szene fangen hier ihre Laufbahn an. Seit 1922 entstand hier das ukrainische Theater, das seit 1923 bis heute den Namen von Maria Zankovetskaya trägt ( späterhin wurde es aus Kiew nach Lwow/Lemberg).
Schließlich, wie schon oben erwähnt wurde, ist 1934 das Gebäude des ehemaligen Dreifaltigkeitsvolkshauses dem Kiewer staatlichen Theater der Musikkomödie übergeben wurde. Sein Debüt fang 1935 mit der unvergänglichen Aufführung „Fledermaus“ von Johann Strauss an.
An der Fassade des Gebäudes sieht man die Büsten des hervorragenden Nationaldichters Taras Schewtschenko (sofern bekannt ist, es war Beispiel seiner ersten Verewigung in Kiewer Monumentalkunst) und des berühmten Schriftstellers Nikolai Gogol.
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Bild 12 Repertoire des Kiewer Theater für Musikkomödie, 1936/37. |
Bild 13.Vera Novinskaja |
Фото14. Лев Пресман |
Die Geschichte des Theaters auf der Krasnoarmeiskaja-Str. war reich sowohl an Ereignisse, als auch an bekannte Namen. Theaterfreunde mit langjähriger Erfahrung erinnern sich auf lyrische Schauspielerin Antonina Savtschenko, unübertroffene Vera Novinskaja, eleganten „Liebhaber“ Leo Pressmann, urkomischen Komiker Grigori Lojiko… Ihnen auf dem Fuß folgten neue begabte Darsteller.
1966 gelang es dem künstlerischen Leiter des Theaters Boris Scharvarko den Namen des Theaters für Musikkomödie durch das Wort „Operette“ zu erweitern. Dieser Begriff assoziiert jetzt nicht nur mit der Klassik von Offenbach, Kalman, sondern auch mit den Werken der ukrainischen Autoren, vor allem Alexej Rjabov, dessen „Hochzeit in Malinovka“ bleibt schon viele Jahrzehnte hindurch eine der besten Perlen auf dem Spielplan des Kiewer Operettentheaters.
Die Bühne des Operettentheaters wurde häufig anderen Theatern zur Verfügung gestellt, welche in Kiew auf Tournee weilten. Eine der größten Erfolge genoß 1971 das Moskauer Theater unter Leitung des berühmten Regisseurs Jury Ljubimov. In den Aufführungen nahm auch der damalige „Volksidol“ Vladimir Vysozky teil. Bild 15.Gedenktafel zu Ehren Alexej Rjabov
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Seit 2003 ist der künstlerische Leiter des Operettentheaters Bogdan Strutinsky. Der junge Künstler strebt nach Verfeinerung des Operettengenres durch moderne Eigenschaften. Nach dem Beispiel der ausländischen Theatertruppen sucht er nach Vielfältigkeit von Theaterstückformen, führt mit seinen Gleichgesinnten eine schöpferische Arbeit hierfür.
Im Jahre 2004 wurde das Kiewer Operettentheater mit Status Akademisches Theater ausgezeichnet. Im Repertoire des Theaters stehen heute neben den klassischen Operetten auch Musicals, Show-Programms und andere experimentalen Aufführungen.
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Bild16.Bogdan Strutinsky |
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